Die schönsten Geschichten aus den Dobermann-Rallye-Archiven 18

Hendrik Fokken
CHAOSTHEORIE

Im Südchinesischen Meer, knapp 20 Meter unter dem Meeresspiegel, schwimmt ein kleiner Fisch. Es handelt sich um ein Exemplar des schon für ausgestorben gehaltenen, silbernen Judogürtelfischs, dessen Schuppenkleid tatsächlich so aussieht, als trüge er einen hellen Kampfsportmantel, der von einem silbrigen Gürtel zusammengehalten wird. Er heißt mit Nachnamen Kartoffel.
Wie es der Zufall so will, schwimmt direkt über dem Fisch die Luxusyacht des Herrn Lü Sham Pü, seines Zeichens Vizevorsitzender des Taiwanesischen Judoverbandes. Er macht an Deck ein paar Dehnübungen und hat zu diesem Zwecke seinen Bademantel mit dem silbernen Escadagürtel einer flüchtigen Bekannten zusammengebunden, die unten in der Kajüte gerade total nackig MTV guckt.
Etwa 20 Meter über der Luxusyacht fliegt eine Silbermöwe. Silbermöwen tragen in aller Regel ein helles Federkleid, das sich mit etwas gutem Willen auch als Judoanzug bezeichnen ließe. Am Fußgelenk trägt unsere Möwe einen silbernen Markierungsring, also quasi einen Gürtel für das Fußgelenk. Möwe heißt in dem chinesischen Dialekt, der in dieser Küstenregion gesprochen wird: Ree.
Fasst man nun die Nachnahmen dieser drei Silberjudogürtelträger zusammen, ergibt sich das schöne Wort: Kartoffel-pü-ree.
Diese außergewöhnliche Koinzidenz in der Phänomenalstruktur erklärt sich durch folgende simple Begebenheit: Die Chaostheorie hat einfach nicht aufgepasst.
Sie widmet ihre volle Aufmerksamkeit nämlich gerade einem Objekt, das sich in gerader Linie exakt 124.980 km oberhalb der eben erwähnten Silbermöwe befindet.

Es ist das Raumschiff Ju Ze Shui unter dem Kommando von Kommandant Pu Tao Jiu. Er trägt einen goldenen Kung-Fu-Gürtel, den er 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul hat erringen können. Zumindest glauben das die übrigen Besatzungsmitglieder. In Wahrheit handelt es sich bei dem Gürtel aber um ein Schweinslederimitat vom Flohmarkt am Arkonaplatz, den der Kommandant höchstselbst mit Plakafarbe angemalt hat. Eigentlich heißt der Kommandant auch gar nicht Pu Tao Jiu sondern Horst Schweda und kommt aus Pankow. Dieser Mann verlangt der Chaostheorie alles ab.

Horst Schweda war sogar tatsächlich 1988 in Seoul, aber nur als Platzanweiser. Er hatte sich vorher zuhause ordentlich mit Oral-Turinabol vollgestopft, verlor aber trotzdem schon im Achtelfinale gegen den Südkoreaner Manfred Lehmann. Zwei Jahre später verhökerte er seine Teilnahmeurkunde am Brandenburger Tor an einen amerikanischen Touristen für 2 Mark 50, und davon kaufte er sich das Töpfchen Plakafarbe, mit dem er wie gesagt den Schweinslederimitatgürtel bemalte, den er kurz vorher auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz erstanden hatte, von einer Frau die ihm gleich gut gefiel, weil sie eine schöne Dauerwelle hatte. Diese Frau hörte damals auf den Namen Elfriede von Weiterstadt und auf den hört sie auch noch heute, denn sie hat ihren Namen nie geändert.
Auch nicht als sie vor sieben Jahren den Architekturstudenten Klausi Pupskotelett heiratete. Merkwürdigerweise stieß ihre Entscheidung den Geburtsnamen zu behalten, bei Klausis Verwandschaft auf Unverständnis und die Familie geriet sich in die Haare. Des Streitens müde wanderte das junge Paar schließlich nach China aus und um Klausis Architekturstudium zu finanzieren, heuerte Elfriede bei der chinesischen Raumflotte an. Durch ihre technische Begabung, ihr gutmütiges Wesen, vor allem aber wegen der schönen Dauerwelle stieg sie schnell von der Bodencrew zum fliegenden Personal auf und erhielt den Titel Pi Jiu Hao, was übersetzt in etwa Steuermann bzw. Steuerfrau bedeutet. Im Zuge des technischen Fortschritts wurden in den chinesischen Raumschiffen aber bald alle Steuerräder abgeschafft und jeweils durch zwei Druckknöpfe ersetzt. Einen für nach links und einen für nach rechts. Elfriede war nun keine Pi Jiu Hao mehr, also Steuerfrau, sondern eine Chop Suey Hen Hao, was übersetzt in etwa Controller bzw. Controllerin bedeutet. Vor sechs Wochen wurde sie zur Chop Suey Hen Hao Chef, also Chefcontrollerin befördert und trat ihren Dienst an Bord des nigelnagelneuen Raumschiffs Ju Ze Shui unter dem Kommando des Kommandanten Pu Tao Jiu an.

So kommt es also, dass Elfriede von Weiterstadt heute die direkte Befehlsempfängerin des Mannes ist, dem sie damals am Arkonaplatz einen Schweinslederimitatgürtel verkaufte, und es nicht weiß. Sie glaubt ja wie gesagt, dass der attraktive Mann neben ihr der berühmte Kommandant Pu Tao Jiu ist. Ein Trugschluss wie wir inzwischen wissen. Es ist nämlich Horst Schweda aus Pankow, der 1990 einen Schweinslederimitatgürtel mit goldener Plakafarbe bemalte.
Ja ist es denn die Möglichkeit, das kann ja wohl nicht wahr sein, möchte man meinen, aber da kann man mal sehen, mit welchen Problemen die Chaostheorie hier zu kämpfen hatte.

Pu Tao Jius goldener Kung-Fu-Gürtel fand im übrigen in der Raumflotte eine solche Wertschätzung, dass er zum offiziellen Erkennungszeichen für Kommandanten der ersten Kategorie wurde. Überhaupt wurde gleich das ganze schwachsinnige Strichsystem auf den Ärmeln und Schulterpolstern abgeschafft, und stattdessen ein innovatives Gürtelsystem für alle Dienstgrade der chinesischen Raumflotte eingeführt. Elfriede von Weiterstadt beispielsweise trägt als Chop Suey Hen Hao Chef einen bronzefarbenen Karategürtel mit fünf kobaltblauen Sternchen, die darauf hinweisen, dass sie in der dritten Klasse der nationalen Raumakademie einmal in Navigationskunde durchgefallen ist, weil sie nicht mit dem Ausbilder ins Bett wollte, der ihre Dauerwelle so niedlich fand. Wie Elfriede von Weiterstadt gerade so über dieses Erlebnis, genauer gesagt über den Ausbilder nachdenkt, der eigentlich so übel gar nicht aussah und Gerüchten zufolge auf Sadomaso-Ledergürtelsex gestanden haben soll, gerät der goldene Kung-Fu-Gürtel des Kommandanten Pu Tao Jiu in ihr Blickfeld und sie sagt zu sich: “Deja vu, Deja vu, Deja vu. Also den kenn ich doch irgendwo her?”

Auf einmal klopft es an der Tür und Elfriedes Ehemann Klausi Pupskotelett kommt rein.
“Was machst du denn hier?”, fragt Elfriede.
“Ich?”, sagt Klaus, “ich arbeite hier als Zhong Guo Ping Pong Ren.”
“Was soll das denn sein?”, fragt Elfriede.
“Kometenbeobachtungsoffizier.”
Und tatsächlich, Klausi Pupskotelett trägt den lila-gepifften Tischtennisgürtel mit den drei pinkfarbenen Ananasscheiben, woran jeder gleich erkennen kann, dass er vor seiner Berufung in die chinesische Raumflotte sein Architekturstudium im 16. Semester abgebrochen hat. Außerdem ist die mittlere Ananasscheibe oben links angebissen, ein unzweifelhaftes Zeichen für Klausis schlechte Angewohnheit an seinen Fingernägeln zu kauen.

“Kommandant”, wendet er sich an Horst Schweda, dessen wahre Identität er gar nicht kennt, von dem er aber aufgrund seines goldenen Kung-Fu-Gürtels annehmen muß, dass er Pu Tao Jiu, der oberste Befehlshaber dieses Schiffes, ist: “Kommandant, ich habe einen Kometen in Sektor Lü Cha Haishi Hong Cha ausgemacht. Er rast direkt auf Shanghai zu.”
“Das ist ja interessant”, sagt Kommandant Pu Tao Jiu, der ja eigentlich Horst Schweda heißt.
Elfriede von Weiterstadt wirft in ihrer Eigenschaft als Chefcontrollerin einen Blick auf den Kontrollbildschirm: “Wo? Ich sehe keinen Kometen.”
Zhong Guo Ping Pong Ren Klausi Pupskotelett, seines Zeichens Elfriedes Ehegatte, beugt sich über die Anzeige: “Doch, da.”
“Wo? Da?”
“Da, der gelbe Punkt”, sagt Klausi.
“Das ist der Jupiter, du Nase”, jetzt wird es Elfriede zu bunt: “Kommandant Pu Tao Jiu, kommen sie bitte mal her und sehen sich das an. Hier der gelbe Punkt, das ist doch wohl Jupiter, oder?”
“Jupiter Pupiter, mir doch egal”, denkt sich Horst Schweda, der diesen Geheimnamen aber bislang noch seiner Mannschaft vorenthalten hat. Er räuspert sich kurz: “Ähem, das ist wahrscheinlich der Planet Emmenthal, bekannt für seine gewaltigen Meteoritenkrater.”
Elfriede und Klausi sehen sich verstört an.
“Und außerdem”, sagt der Kommandant Pu Tao Jiu, “heiße ich Horst Schweda und komme aus Pankow.” So, jetzt ist es raus.

“Pankow in Berlin?”, fragt Elfriede, “das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich hab vor einigen Jahren mal in Friedrichshain gewohnt.”
“Ich weiß”, sagt Horst Schweda, “sie haben mir damals diesen Gür…”
“Hu choa fung djin chao hai”, Klausi Pupskotelett haut Horst mal kurz in die Magengrube, so dass dieser bewusstlos zusammensackt: “Der Typ geht mir schon die ganze Zeit aufn Sack.”
Elfriede tut so, als hätte sie nichts gesehen und pfeift ein altes koreanisches Volkslied: “Pfeif pfeif pfeif. Also meine Fingernägel müssten auch mal wieder lackiert werden.” Als die Sache mit dem Kommandanten schließlich vergessen ist, wendet sie sich in Erfüllung ihrer Dienstpflicht wieder ihrem Gatten zu: “Also Klausi, ich weiß nicht, ich bin mir sicher, dass das der Jupiter ist.”
“Det isn Komet, du Dillgurke, haack doch jesacht”, Klausi will seiner Frau gleich auch eine reinhauen, weil er grade so schön in Fahrt ist, doch da trifft ihn Elfriedes linker Aufwärtshaken, und er fliegt rückwärts unter die Navigationskonsole. Runde 1 geht ganz klar an Elfriede von Weiterstadt. Aber Klausi steht wieder auf: “Hai kuo chun wen ma fang zhui.” Zack, hat er nochmal einen sitzen. Gong. Runde 2 wieder an Elfriede. Klausi schüttelt sich: “Brrrrrrr. Na warte, dir werd ich zeigen wo der Hase den Pfeffer holt.” Kein schlechter Spruch, diese Runde müssen wir Klausi gutschreiben. “Ja? Wo holt denn das Häschen den Pfeffer?”, fragt Elfriede. “Öh, äh.” Runde 4 somit wieder an Elfriede. “Fo chai ko waka do”, Klausi ist wieder aufgesprungen und versucht bedrohlich zu gucken. Aber in die falsche Richtung, denn Elfriede ist mal eben in die Küche gegangen, um sich ein Brot zu schmieren. Runde 5 an sie. Nutella ist aber alle. Runde 6 an Klausi. Der alte Schwerenöter besinnt sich jetzt auf eine alte Taekwondotaktik. Er läßt sich auf die Knie fallen und tut so als sei er ein Tier: “Hü. Wieher wieher, galoppel, galoppel, geloppel.” Guter Trick, Runde 7 an Klausi. Achtung ein Doppelochser! Gerissen. Runde 8 an Elfriede. “Klausi, Abendbrot ist fertig, sag winke winke.” Runde 9 an Elfriede. Dopingkontrolle. A-Probe positiv, Gesamtsiegerin Elfriede von Weiterstadt … Heeiiii … La ola.

Gerade als die Besatzung der Ju Ze Shui so schön am feiern ist, rauscht ein Komet am Cockpit vorbei.
Der Kometenbeobachtungsoffizier Klausi Pupskotelett fängt einen Funkspruch auf: “Hallo hallo, hier spricht der Komet, der gerade an eurem Cockpit vorbeigerauscht ist. Kann mir vielleicht einer sagen, wo es hier nach Shanghai geht?”
“Shanghai?”, sagt Klausi, “öh, paß ma auf, das ist ganz einfach. Siehst du da unten diese blaue Kugel?”
“Meinst du das runde Ding da, oder was?”
“Ja genau, und da sind doch oben und unten zwei so weiße Flecken drauf.”
“Ja, weiße Flecken, die kann ich sehen”, sagt der Komet.
“So, nach Shanghai fliegst du am besten erstmal direkt auf den weißen Fleck oben zu und denn direkt in die Kugel rein. An der ersten Ampel denn gleich links, am Bahnhof vorbei ein ganzes Stück geradeaus, dann an der Bushaltestelle rechts und sofort wieder links, dann immer der Nase nach und dann kommst du ungefähr bei dem weißen Fleck unten wieder raus.”
“Und dann?”, fragt der Komet.
“Dann fragst du am besten mal jemand anders”, sagt Klausi.
“Ok, danke erstmal.”

Der Komet düst ab wie ein Berserker, haut durch die Erde und verfängt sich beim Beschleunigen durch die antarktische Stratosphäre in einer Kumuluswolke. Die Kupplung klemmt, und er knallt ungebremst in den Mond, wo leider noch nicht genügend Reifenstapel stehen, die seinen Aufprall hätten bremsen können.
In diesem Moment erwacht Horst Schweda aus seiner Bewusstlosigkeit und fragt: “Irgendwelche Überlebenden?”
Elfriede von Weiterstadt guckt schnell im Telefonbuch der Südpolarstation Wostok nach: “Ja hier, zwei Stück: Juri Barischnikow und ein Südkoreaner namens Manfred Lehmann.”
“Allebeide an Bord beamen”, sagt der Kommandant, “und dann nix wie nach Hause, Essen ist gleich fertig.”

So bewahrte Zhong Guo Ping Pong Ren Klausi Pupskotelett die Bevölkerung Shanghais vor einer großen Katastrophe und erhielt später für diese Leistung den höchsten Orden, den die chinesische Raumflotte überhaupt zu vergeben hat: Eine rosane Plastikgürtelschnalle. Er beendete daraufhin seine Karriere in der Raumflotte, ging zurück nach Berlin und verkaufte die Gürtelschnalle auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz an Horst Schweda aus Pankow, den Klausi aber nicht wiedererkannte, weil er seine Brille zuhause nicht hatte finden können.
Da hatte die Chaostheorie nämlich aufgepasst und die Brille zwischen den alten Socken versteckt.

Die schönsten Geschichten aus den Dobermann-Rallye-Archiven / Chaostheorie
Dieser Text erfüllt alle Bedingungen des Dobermann-Rallye-Wettbewerbs Nr. 10:
A. Es muss eine Art Ehekrach beschrieben werden, wobei zwischen den Partnern mindestens zehn Runden ausgetragen werden.
B. Eine Hauptfigur muss von Beruf Controller/in sein.
C. Ein Komet muss am Nordpol in die Erde einschlagen und am Südpol wieder austreten.
D. Der Kommandant des Raumschiffes, das die Überlebenden rettet, hat einen goldenen Kung-Fu-Gürtel.
Dieser Text erschien erstmalig im April 2000 in den Dob Red Protokollen 4.
Die Redaktion Dobermann Rallye existierte von 1991 bis 2000.
Publikationen der Redaktion erfolgten unter den Namen: Dobermann Rallye, Pekinese Schnitzeljagd und Die Dob Red Protokolle
Hendrik Fokken / Chaostheorie / Die Dob Red Protokolle 4 / ISSN 1435-1625

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.