Die schönsten Geschichten aus den Dobermann-Rallye-Archiven 02

Jean Mofette
WIE THADDÄUS MIESEGRIM IN DEN BESITZ DER ZWÖLF RINGE DES OSIRIS GELANGTE

Irgendwo zwischen Halle und Berlin lag einst die kleine Gemeinde Mühlenhof. Der örtliche Gottesmann trug den Namen Thaddäus Miesegrim und war über die Gegend hinaus bekannt für seine absonderlichen Ansichten, mit denen er weder auf der Kanzel noch sonst irgendwo hinter dem Berg hielt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit vertrat er diese und hatte über die Zeit darin viel Übung gewonnen, damit jedermann den Nerv zu rauben. Niemand konnte es sich leisten, dem Pfarrer aus dem Weg zu gehen, ihm den Rücken zu kehren oder gar dem Gottesdienst fern zu bleiben. Bald kam man im Dorf deshalb überein, das Ungemach als eine langwierige Prüfung zu betrachten, die himmlischen Ursprungs sein müsse, denn dass sie des Teufels wäre, das wollte dann doch niemand glauben.

Der Geistliche hatte neben dieser seiner Angewohnheit noch ein einziges Laster, nämlich den Genuß von Branntwein. Selten sah man Thaddäus Miesegrim unterwegs ohne seinen tönernen Krug Aquavit, der aus der Nachbargemeinde stammte und von hervorragender Qualität war. So verwunderte es auch niemanden im Dorf, wenn der Pfarrer das eine oder andere mal vor den Kühen und den Schweinen, aber auch vor den Rehen und den Vögeln emphatische Reden schwang.

Derart geschah es auch an diesem Tag. Pfarrer Miesegrim referierte einem Eichhörnchen die wirklichen Gründe des Börsenkrachs von 1776. Das Eichhörnchen, offenbar ein Jungtier, verstand kaum die Hälfte von dem, was Miesegrim sagte. Die Aufmerksamkeit des possierlichen Nagers wandte sich wohl aus diesem Grunde recht schnell drei majestätischen Eichen zu, die auf dem Friedhof wuchsen und deren Früchte appetitlich lockten.

Da hörte Pfarrer Miesegrim hinter sich im Gehölz das Knacken am Boden liegender Zweige und auch das Rascheln herabgefallener welker Blätter. Es war Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, der aus Halle kommend, nach einer langen unbequemen Reise im Dorf Mühlenhof Rast gemacht hatte, und sich nun im nahgelegenen Erlenwäldchen etwas die Beine vertrat. Dem Pfaffen einen mürrischen Blick zuwerfend blieb er stehen, denn was dieser von sich gab, interessierte den Studierten, denn er war auf dem Weg nach Berlin, um in der Charité eine Predigt zu halten, zu der ihm bisher leidlich wenig eingefallen war.

Der Pfarrer nutzte seine Chance und sprach: “Die Jugend, die oft als tatensüchtig jedoch ohne Verstand handelnd verleumdet wird, gerade von jenen, die sich in ihrer Jugend vielleicht allzu bereitwillig dem Diktat der Älteren gebeugt haben, und sich nun, da sie selbst alt geworden, aus Scham darüber, ihren Verzicht als wohltätiges Opfer begreifen wollen, für welches die amtierende Jugend ihnen Dank und Gehorsam schulde, und trotz ihres fortgeschrittenen Alters nicht müde werden, dies auch für gerecht zu halten, die Jugend,” wiederholte er, “ist wahrhaftig interessant zu nennen, denn sie verkörpert auf das Beste jeden Gedanken, die in unseren Gemeinden doch als so geistreich und wohlanständig sich Geltung verschafft haben. Und wenn die Jugend rebelliert, dann muss sie es!”

Schleiermacher nickte und ging dann weiter seines Weges, der ihn vom Wäldchen zurück ins Dorf führte, wo er in einem Gasthaus ein Zimmer für die Nacht gemietet hatte. Wahrlich, das vom vielen Reisen gebeutelte Sitzfleisch des Gelehrten verlangte zum Ausgleich ausgiebige Spaziergänge, denn den Theologen quälte das Arschzwicken. Allein zur Kur wollte er nicht, aus Furcht, sein Leiden könne der Allgemeinheit öffentlich werden. So trug er seine Pein mit großer Disziplin und fand beim Herumwandeln viel Zeit für seine Nachdächtigkeit.

In dem besagten Gasthaus führte der Wirt aus reinem Jux bereits im zweiten Jahr eine Liste der bei seinen Gästen beliebtesten Speisen. Ein englischer Gentleman, der, jung wie er war, auf dem Festland sein Glück suchte, indem er Handel trieb, berichtete, dass man selbst an der Londoner Börse starkes Interesse an diesen Notierungen habe. Die Snackcharts, wie sie dort wohl genannt würden, hätten sogar Einfluss auf den Kurs einiger Aktien. Stark im Kommen sei die Albinobockwurst, die eben auf Platz sieben stieg, als ein lederbehoster Süddeutscher lautstark danach rief. Woraus sie wohl gemacht sei, fragte der Engländer, doch der Wirt winkte ab: Betriebsgeheimnis. Dann reichte er die dampfende Wurst samt einem Stück Brot dem Bayern auf einem Teller zum Verzehr und wünschte: Guten Appetit!

Das Schicksal wollte es, dass Schleiermacher während seines Religionsstudiums in den Besitz zwölf bronzener Ringe gelangt war, von denen es hieß, sie seien dem ägyptischen Totengott Osiris geweiht. Schleiermacher, der dies recht interessant fand, trug sie immer bei sich und betrachtete die Ringe sogar als persönliche Glücksbringer. Der englische Gentleman, von dem bereits die Rede war, erfuhr davon und bat Schleiermacher darob zu einem Gespräch unter vier Augen. Vermutlich hatte der Händler dem Theologen einen guten Preis geboten, denn wie sich bald heraus stellte, war er nun Eigentümer der zwölf Ringe.

Derweil sprach Pfarrer Miesegrim in Ermangelung anderer Zuhörer mit den Bäumen und den Blumen. Bald gesellten sich auch ein paar Bienen dazu, und Thaddäus sprach etwas ruhiger als gewöhnlich, um sie nicht zu vertreiben.

Als der Engländer, der übrigens als Sohn schwedischer Einwanderer den Namen Lundkvist trug, den Dorfpopen auf seiner Wiese sitzen sah, beschloss er, sich diesem vorzustellen und ihn in ein Gespräch zu verwickeln, denn vielleicht, so dachte er sich, gab es heute ja noch ein derart günstiges Geschäft abzuschließen, wie es ihm doch eben erst mit dem Kauf der Ringe gelungen war.

Thaddäus Miesegrim bot dem jungen Spund erst einmal einen Schnaps an. Als Lundkvist dem Pfarrer die zwölf Ringe des Osiris anpries, schlug Thaddäus vor, darum zu würfeln. Sollte er verlieren, so würde der Engländer die Ringe behalten und außerdem über den Krug verfügen können, der an diesem Tag immer noch zu drei Vierteln mit Hochprozentigem gefüllt war. Gewänne der Gottesmann, so würde dieser Krug und Ringe für sich behalten. Der Schwedensohn willigte ein und prostete Thaddäus Miesegrim zu. Dieser kramte in seinem Rock nach den Würfeln und als er sie gefunden hatte, zeigte er sie Lundkvist mit einem triumphierenden Grinsen. Um es spannender zu machen einigten sich beide auf eine Anzahl von sieben Runden, die mindestens zu spielen seien. Wer danach die meisten Augen gewürfelt hätte, sollte alles gewinnen, wenn er wenigstens sechs Punkte Vorsprung vorweisen konnte. Anderenfalls würde die nächste Runde entscheiden, und so fort.

Die genauen Regeln dieses Spiels sind hier nicht von Belang. Wichtig ist nur das Ergebnis: Pfarrer Thaddäus Miesegrim gewann mit Gottes Hilfe schon nach sieben Runden. Gleich, im nächsten Augenblick ließ, ohne Lamenti, Lundkvist Osiris bronzene Ringe in grosso in den Aquavit.

Die schönsten Geschichten aus den Dobermann-Rallye-Archiven / Thaddäus Miesegrim
Dieser Text erfüllt alle Bedingungen des Dobermann-Rallye-Wettbewerbs Nr. 11:
A. Albinobockwurst ist jetzt auf Platz 7 der Snack-Charts gestiegen (Zitat oder Sachverhalt).
B. Der bekannte Theologe Friedrich Schleiermacher muss eine tragende Rolle spielen.
C. In einem Absatz muss erklärt werden, warum die Jugend interessant ist.
D. Die Anfangsbuchstaben der Wörter des letzten Satzes sollen den Namen eines Prominenten bilden.
Dieser Text erschien erstmalig im April 2000 in den Dob Red Protokollen 4.
Die Redaktion Dobermann Rallye existierte von 1991 bis 2000.
Publikationen der Redaktion erfolgten unter den Namen: Dobermann Rallye, Pekinese Schnitzeljagd und Die Dob Red Protokolle
Jean Mofette / Wie Thaddäus Miesegrim in den Besitz der zwölf Ringe des Osiris gelangte / Die Dob Red Protokolle 4 / ISSN 1435-1625

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.