Die schönsten Geschichten aus den Dobermann-Rallye-Archiven 13

Andreas Hofbauer
DIE SCHÖNEN AUGEN VON NADINE

Die einfachsten Augen sind bestimmte Hautzellen (z.B. des Regenwurms), die Helligkeitsunterschiede spüren, und andere Hautzellen bei Würmern und Lanzettfischchen, die die Richtung des Lichts übermitteln. Diese Augen bewegen sich überhaupt nicht, sie sind nicht tief und funkeln nicht und blitzen niemals. Sie sind ganz starr am Wurm angebracht und sie bewegen sich nur, wenn der Regenwurm sich auch bewegt – in der Erde, die um die Sonne kreist.
Meine Freundin Nadine Hundertmarck dagegen hat sehr schöne und hungrige Augen, aber sie ist ein wenig ungebildet.
Regenwürmer kennt ein jeder. Schon Lanzettfischchen jedoch kennt Nadine nicht, weil man sie nämlich nicht so leicht zu sehen bekommt. So verhält es sich mit einer unermesslichen Vielzahl von Dingen dieser Erde, sogar mit einer unermesslichen Vielzahl von Lebewesen. Das gilt für Tiere, wie das Lanzettfischchen, für Pflanzen und für Orte, wie z.B. St. Petersburg.
Gewiss hat sie ihre Augen schon sehr viel weiter bewegt als der Regenwurm und sie hat sie munter umherschweifen lassen in der endlosen Welt, hat ihnen nichts von alledem verwehrt, was sie zu sehen wünschten, und dennoch. Es ist so überaus viel, und es ist doch so wenig an der Zahl, wenn man bedenkt, und sie denkt so oft an die weite Welt. Das behauptet sie zumindest. Aber ich tröste sie und sage ihr stets, sie solle nur tief in der Menschen Augen blicken, dort würde sich die ganze Welt ihr schon offenbaren, wenn sie sich traue.
Mutig ist Nadine und sie schaut sich um. So entlarven sich ihr die verborgensten Gedanken und tiefsten Gefühle. Gestern legte sie mir ihren Bericht vor:

Bericht von den Eindrücken der Blicke anderer Menschen.
vorgelegt von Nadine Hundertmarck

Viele Blicke senden Botschaften, die ihre Emittenten mit Worten nicht zu sagen wagen.
Bisweilen wurde ich schon recht unverhofft getroffen. Die prominentesten jener Botschaften sind die der Liebe, die an manchen Gegenden der Welt ein Klima erzeugen, das wohl dem zur Zeit viel beforschten Phänomen des Elektrosmogs ähneln mag. Venedig soll eine solche Gegend sein und auch der Vorplatz der Kirche St. Peter in St. Petersburg, wo die Verliebten auf die Sonne warten.
Auf epidemiologischen Karten sind diese Gebiete als weiße Flecke zu erkennen, denn kein Schatten wagt es, sich über solches Glück zu neigen. An anderen Orten der Welt, also beispielsweise in Finnland, ist der Himmel meist wolkenverhangen, und die Strahlen der Sonne bahnen sich nur selten ihren Weg zu den Herzen der Menschen. Auf den Färöer Inseln weht ein nasser und kalter Wind derart stark, dass die von ihm ergriffenen, von den Bergen und Klippen herabstürzenden, gigantischen Wassermengen den Boden oft nicht erreichen. Den Menschen treibt der Wind die Tränen aus den Augen, aber diese Kräfte der Natur imponieren mir schon. Jene Orte sind dunkelgrün eingezeichnet, denn man kann die verliebten Blicke pro Quadratkilometer an den Fingern einer Hand abzählen. In Finnland sind die Menschen ein wenig wie die Lanzettfischchen. Sie nehmen Blicke auf, aber sie senden nicht soviele aus. Erst, wenn sie einen schon ziemlich gut kennen. Sie ziemlich gut kennenzulernen ist aber nicht so leicht, weil die Sprache verdammt kompliziert ist dort. Die Menschen sind wortkarg dort im Norden, und gar zu schnell ist man versucht zu glauben, sie seien auch gefühlskalt.
Eines jedoch ist mir mittlerweile ganz klar, dass nämlich die am charmantest parlierenden unserer Mitmenschen oft jene sind, die uns ihr Herz am wenigsten öffnen. Drum lasse ich mich nicht täuschen an Orten wie Venedig, wo die Augen blitzen und der Liebe schöne Worte fallen.
Soviel zu meinen bisherigen Erfahrungen, die vielleicht nicht der kritischen Weltweisheit letzter Schluss sein mögen, aber allemal mehr wert sind als was 100 Millionen Regenwürmer zusammen auf die Reihe kriegen. Wissenschaftlich kann ich behaupten, dass die dunkelgrünen Orte nicht die schlechtesten sind auf der Welt.

Die schönsten Geschichten aus den Dobermann-Rallye-Archiven / Augen von Nadine
Dieser Text erschien erstmalig im März 1994 in: Dobermann Rallye 4.
Die Redaktion Dobermann Rallye existierte von 1991 bis 2000.
Publikationen der Redaktion erfolgten unter den Namen: Dobermann Rallye, Pekinese Schnitzeljagd und Die Dob Red Protokolle
Andreas Hofbauer / Die schönen Augen von Nadine / Dobermann Rallye 4 / Die Dob Red Protokolle / ISSN 1435-1625

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